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Übersetzungsfehler in JAR-FCL 3 deutsch?

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Editorial der AOPA-Nachrichten 02/03 2005:

Entfallen die weiteren Gutachtenkosten für das Medical beim LBA endlich?

Wenn man sich derzeit mit Piloten unterhält und nach ihrem größten Ärgernis fragt, ist man sich zumeist schnell einig: Es sind die neuen Bestimmungen von JAR-FCL 3, die Medical Standards.

Zwar hat sich für Privatpiloten einiges gebessert: Blutuntersuchungen sind nicht mehr notwendig, bis zum 40. Lebensjahr benötigt man bis auf die Erstuntersuchung auch kein EKG mehr, bis zum 30. Lebensjahr gilt ein Medical für 5 Jahre. Aber leider hat sich auch vieles dramatisch verschlechtert, viele Piloten haben ihr Medical verloren oder nur mühsam nach teuren Untersuchungen wiedererlangt. Denn Fliegerärzte sind nach JAR-FCL 3 in ihren Entscheidungsfreiräumen deutlich eingeschränkt, da sie einen Piloten bereits bei gesundheitlichen Einschränkungen, die auch nur mit einer extrem geringen Wahrscheinlichkeit zu einem Problem werden könnten, fluguntauglich melden müssen. Sie stützen sich dabei auf die deutsche Fassung von JAR-FCL 3.110 und nachfolgende Bestimmungen. Dabei ist der englische Originaltext ganz anders formuliert: Nur wenn es "likely", also sehr wahrscheinlich ist, daß ein Pilot auf Grund eines Defizits fluguntauglich werden kann, darf er nicht mehr fliegen. Ein Übersetzungsfehler, oder Absicht? Wir gehen dem gerade nach.

Nach dieser ersten negativen Diagnose beginnt für die in gesundheitlichen Verdacht geratenen Piloten das Martyrium erst richtig: Denn ein Aeromedical Center (AMC) muß ein Gutachten erstellen, ob der Pilot noch fliegen darf oder nicht. Der "normale" Fliegerarzt (AME) darf dies nicht. Die Kosten für ein AMC-Gutachten betragen zwischen 500,- und 1.000,- EUR, die Wartezeiten waren zumindest im letzten Jahr noch sehr lang. Wir als AOPA gingen bei der Durchsicht der Vorschriften davon aus, daß durch die AMC die flugärztlichen Gutachterausschüsse, die in der Vergangenheit in Zweifelsfällen angerufen wurden, etwa genauso teuer waren und für viel Unmut sorgten, durch ein kostengünstigeres und pragmatischeres Gremium abgelöst würden. Aber weit gefehlt. Denn jetzt erhebt der oberste deutsche Flugmediziner Dr. Andreas Kirklies beim LBA, in seiner Funktion auch Aeromedical Section AMS genannt, Gebühren für die Begutachtung der Gutachten der AMC. Dafür wird nochmal etwa der gleiche Betrag berechnet. Eine völlig überflüssige und sündhaft teure Selbstbeschäftigung der Behörde! Konkret: Ein nach einem Sportunfall versteiftes Sprunggelenk, das bislang vom Fliegerarzt über viele Jahre als unbedenkliche Bagatelle eingestuft wurde, kostet in der behördlich verordneten Doppelbegutachtung zur Wiedererlangung eines Medicals jetzt 1.500 EUR!

Das Bundesverkehrsministerium (BMVBW) zeigte sich uns gegenüber darüber ebenfalls ungehalten, so daß Chefmediziner Dr. Kirklies die Gutachten der AMC jetzt wohl wieder (fast?) ungeprüft akzeptieren muß. Ein Trauerspiel. Kein Wunder, daß der Zorn der Piloten an der Basis aufkocht. Über 5.000 Petitionen gegen JAR-FCL 3 wurden inzwischen von den Betroffenen nach Berlin verschickt, ausgelöst überwiegend durch die Initiatoren von www.jar-contra.de. Daß eine solch komplexe Vorschrift nicht ohne Hindernisse anlaufen kann, daß im Vorfeld auch von den Verbänden nicht alle Fehler identifiziert werden können, ist selbstverständlich. Zu diesen nichterkannten Fehlern stehen auch wir als AOPA. Aber jetzt muß korrigiert werden. Das bisher gezeigte Krisenmanagement von LBA und BMVBW ist gänzlich unbefriedigend, die Kommunikation läßt deutlich zu wünschen übrig. Vielmehr beklagt man sich dort über die Petitionen, deren Beantwortung die Verwaltungsbeamten viele Monate in ihrer Arbeit zurückgeworfen hat. Aber diese Sicht der Dinge ist schlicht falsch: Wäre man als Behörde offensiv an die Piloten herangetreten, hätte Fehler zugegeben und Wege zur Beseitigung aufgezeigt, wäre es zu diesem Aufschrei nicht gekommen. Die Petition ist im Grundgesetz nun einmal als legitimes Instrument unserer Demokratie verankert, wenn Bürger sich gegen staatliche Willkür wehren wollen.

Doch wie geht es aus der Krise:

  1. Piloten mit rein nationalen Lizenzen sollten in Deutschland auf einem Niveau gesundheitsüberprüft werden, das in etwa dem Großbritanniens entspricht. Dort entscheidet der Hausarzt darüber, wie in Deutschland auch bei Fallschirmspringern, ob ein Pilot fliegen darf. Alle Unfallanalysen deuten darauf hin, daß dieses Sichrheitsniveau völlig ausreichend ist.
  2. "Einfache" Fliegerärzte (AME) müssen bei der Überprüfung der anderen JAR-FCL-Piloten mehr Entscheidungsfreiräume erhalten. Daß dies möglich ist, zeigt der JAR-Staat Schweiz. Dort gilt die englische Originalfassung von JAR-FCL 3, die den AME recht weite Entscheidungsfreiräume überlässt. Fliegerärzte entscheiden dort viel häufiger auch ohne Hinzuziehung von Aeromedical Centern (AMC). Schließlich wurden sie hierfür ausgebildet, sie können das, genauso wie ihre deutschen Kollegen. Pragmatisch, kostengünstig und sicher. Folglich sind in der Schweiz die deutschen Probleme gänzlich unbekannt. Aber in Deutschland ist der normale Flugmediziner leider zu einem Formularausfüller der Behörden verkommen, der in Zweifelsfällen gar nichts mehr entscheiden darf. Für diese Tätigkeit könnte man auch eine Krankenschwester ohne teure Spezialausbildung einsetzen.
  3. Viele Vorschriften der JAR-FCL 3 sind einfach überzogen, sie müssen dringend überarbeitet werden, hierfür gibt es viele Beispiele. Um nur eines zu nennen: Nach JAR-Richtlinien macht etwa eine unterschiedliche Fehlsichtigkeit beider Augen von mehr als 3 Dioptrien bei der Erstuntersuchung fluguntauglich. Wer also 0,5 Dioptrien links, und 3,6 Dioptrien rechts hat, darf nicht fliegen. Wer aber 4,5 Dioptrien auf beiden Augen hat, also eine deutlich stärkeren Brillenkorrektur bedarf, darf das. Wo ist hier der Sinn?

Ein Ex-Herzinfarktler darf mit Sicherheitspilot fliegen. Ein Diabetiker auch NICHT mit Sicherheitspilot. Wo ist hier der Sinn?

Wir bleiben für Sie am Thema. Im Moment empfehlen wir Ihnen: Bleiben Sie am besten auch im Jahr 2005 kerngesund.

Herzlichst Ihr

Dr. Michael Erb
Geschäftsführer der AOPA-Germany

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, 07. April 2005 um 17:06 Uhr